Nur ein Katzensprung vom Indischen Ozean…

Rita (9)Ich habe Rita vor 16 Jahren in einer „Baby-Mutter”-Internetgruppe kennen gelernt.

Der Altersunterschied zwischen meinem und Ritas älterem Sohn ist zwei Monate – Raphael ist in Deutschland und Jack in Australien geboren. Trotz der enormen Entfernung zwischen den beiden Ländern konnten wir über die virtuelle Verbindung hinaustreten, und trafen uns im Jahr 2005 – weit über der halben Strecke: in Budapest.

Obwohl die Intensität unserer Freundschaft nicht mehr die alte, alltägliche Kommunikation erreicht, beobachten wir uns gegenseitig und planen gemeinsame Abenteuer.

Rita lebt heute mit ihren beiden Söhnen in einer kleinen Stadt in Südaustralien, etwa so weit weg vom Indischen Ozean, wie die Strecke von Budapest nach Debrecen ist.

  • Wie kam eine junge Hebamme aus Miskolc (Ungarn) nach Südaustralien?

Nach einem Jahr Geburtshilfe beschloss ich (ich wollte eine echte Hebamme werden), dass jetzt die Zeit gekommen sei, die Welt zu sehen. Ich reiste nach Deutschland, wo meine Nichte lebte. Im Jahr 2000 lag das Einkommen einer Hebamme in Ungarn kaum über dem Existenzminimum, ich hatte sogut wie kein Geld. So entschied ich mich, als Babysitterin im Ausland zu arbeiten. Ich habe einen Job in Österreich (Eisenstadt) gefunden, wo ich mich in einen Deutschkurs eingeschrieben habe. Dort habe ich meinen (Ex-)Mann, einen australischen Staatsbürger, kennen gelernt. Wir wollten uns in Deutschland niederlassen, aber mein Mann bekam keinen Job, deshalb zogen wir 2002 nach Australien.

  • Wie schwer war die Entscheidung? Wegen der Entfernung kann es kein einfacher und durchschnittlicher Umzug ins Ausland gewesen sein. Australien gehört noch nicht zu den häufigsten Reisezielen. Heute, mit Hilfe des Internets, rückt das Land zwar näher, aber in „unserer Zeit” konnten wir außer den Kängurus nicht viel von diesem weit entfernten Kontinent und Land mitbekommen. Wie schwer fiel es dir dort hinzuziehen und was hast du hier verlassen?

Du hast Recht, Zsuzsa, es war keine leichte Entscheidung. Zu dieser Zeit stand ich immer noch meiner Mutter sehr nahe, aber unglücklicherweise „vergiftete” meine Schwester unsere Beziehung. Trotzdem kam ich schweren Herzens (verärgert) von zu Hause weg.. Glücklicherweise war ich schon 16 Wochen schwanger und all meine Zeit und Gedanken hat mein kleiner Ankömmling, den ich unter meinem Herzen trug, abgebunden. Nichts anderes zählte, nur mein kleiner Junge, so hatte ich zum Glück nie   Heimweh.

Was ich zuhause verlassen habe? In den letzten 16 Jahren hatte ich das Gefühl, dass ich – außer meiner Söhne – alles zuhause ließ.. Mein Zuhause, meine Freunde, meine Familie – auch wenn wir miteinander nicht eng verbunden waren -, und meine Berufung! Versteh’ mich bitte nicht falsch, ich würde nicht wieder in die Heimat ziehen, ich habe ein sehr schönes Leben hier, aber nicht immer einfach (aber wessen Leben ist einfach?). Wir haben mit meinen Söhnen ein neues Zuhause „aufgebaut” und ich kann mich nicht über meine Familie oder meine Arbeit beschweren, wobei der Weg, den wir gehen mussten schon ziemlich schwer war. Ich habe einige sehr gute Freunde und viele nette Leute um mich herum, ganz zu schweigen von meinen Kolleginnen! Ich kann mich richtig glücklich schätzen, und bin dem Schicksal dankbar!

  • Du bist in eine ganz neue Welt gekommen: andere Kultur, anderes Klima, Wüsten und Ozeane, alles anders. Wie war deine erste Begegnung mit Australien? Was sind deine denkwürdigsten Erinnerungen? Woran war es schwer, dich zu gewöhnen und was war, bzw. ist , was das Leben – im Vergleich mit Ungarn – wesentlich leichter macht? (Hier denke ich natürlich an Ungarn vor 16 Jahren).

Wir wohnten zunächst 4 Monaten in Geelong, bis mein Mann einen Job in unserem Geelong1 jetztigen Wohnort, in Berri bekam. Ich lebte dort sehr gerne, da Geelong eine wunderschöne Stadt ist. Es liegt in einer Bucht nur 1 Stunde Autofahrtentfernung von Melbourne. Als werdende Mutter mochte ich es, der Küste entlang zu spazieren, von der Zukunft zu träumen und war mit positiven Gedanken gefüllt – das ist meine schönste Erinnerung an diese Zeit.

Nachdem wir nach Berri gezogen waren, lud mich die örtliche Hebamme in eine Gruppe für schwangere Frauen ein, wo ich sehr liebevoll aufgenommen wurde – dort habe ich meine beiden besten Freundinnen kennen gelernt. Von diesem Tag an hatte ich das Gefühl, dass ich nun „zu Hause” sei.

 

Rita (6)Vielleicht waren es die verkehrten Jahreszeiten, an die ich mich am schwierigsten gewöhnen konnte.. Es war sehr schwer, Weihnachten bei 42 °C Hitze zu feiern! Natürlich habe ich mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt und du beobachtest vielmehr die Bedeutung der Zeit, und nicht das Wetter … Wie überall ist es auch hier wichtig, Weihnachten zusammen mit unseren Lieben zu feiern, und zwar unabhängig davon, ob es draußen schneit oder man zum Strand gehen könnte… Ja, ich vermisse den Schnee sehr und das Problem ist, wenn ich Schnee sehen möchte, dann müssen wir einen halben Tag reisen. Ich hätte es gern gehabt, dass meine Jungs wissen, was Schnee ist und mit welchen schön Erlebnissen er verbunden ist, deshalb versuche ich, sie alle zwei Jahre dort hinzufahren, wobei Reisen auch hier nicht billig ist.

Mein zweites Problem war, dass ich nicht wirklich Englisch sprechen konnte. So etwa zwei Jahre habe ich gebraucht, um die Sprache zu beherrschen.

Mit der Kultur hatte ich keine Schwierigkeiten. Australien ist ein multikulturelles Land, die Einheimischen sind sehr aufgeschlossen.

Auf die Frage, was unser Leben hier wesentlich leichter macht, würde ich vielleicht sagen, die finanzielle Situation. Ich habe zwar ein durchschnittliches Gehalt, aber wir können davon gut leben. Natürlich gibt es Zeiten, in denen wir besser darauf achten müssen, wie viel und für was wir Geld ausgeben, aber zum Glück haben wir keinen Grund, uns zu beklagen.

  • Du bist Hebamme, hast zwei Kinder in Australien zur Welt gebracht. Als Mutter und Fachfrau konntest Du gleichzeitig Erfahrungen von beiden Gesundheitssystemen sammeln. Was sind die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Ländern hinsichtlich der Betreuung von Schwangeren, Geburtshilfe, Pflege und Betreuung der Neugeborenen und frischgebackenen Müttern?

Ich kann es nur mit dem Ungarn von vor 16 Jahren vergleichen, vielleicht ist es heute zu Hause auch anders.

Sehr anders!! Hier geht es viel lockerer zur Sache, und wenn man sich die Statistiken anschaut, lässt sich feststellen, dass hier die Zahl von Infektionserkrankungen oder Neugeborenentod nicht höher ist. Zum Beispiel, bei der Entbindung, musste ich kein Krankehaus-Nachthemd anziehen, ich durfte bequeme Kleider tragen, in denen ich mich wohl fühlte – und ja, ich trug eine Jogginghose und ein T-Shirt! Auch die Väter müssen nicht einmal OP-Anzug und Schutzschuhe tragen, und jeder kann jederzeit den Entbindungsraum betreten. Bis zur Entbindung bist du in deinem eigenen Zimmer und nur zur Entbindung gehst du rüber in den Kreißsaal. Auch nach der Entbindung ziehst du dein eigenes Kleid und kein Pyjama an. Dein Baby wird keine Minute von dir weggenommen, alle Untersuchungen werden in deinem Zimmer durchgeführt. Hier kannst es sogar du baden – vor 16 Jahren zu Hause wurden die Babys mitgenommen. Du gehst aus dem Krankenhaus nach Hause, wenn du willst. Ich war mit meinem ersten Sohn zwei Tage im Krankenhaus, mit dem Kleineren gingen wir am nächsten Tag nach Hause. Die Hebamme ruft dich täglich an, um sich zu erkundigen, ob du Fragen hast, und wie die Dinge so laufen. Die Hebamme besucht dich zu Hause, du musst also nicht zu ihr gehen. Natürlich gibt es Gruppen von Müttern, die sehr gut sind, aber ich denke, dass es solche Gruppen auch schon zu Hause gibt.. Ich war mit dieser Einstellung sehr zufrieden, die Entbindung ist keine Erkrankung, und sie wird dementsprechend behandelt. Auch die Großmutter darf das Neugeborene gleich in den Arm nehmen und muss nicht 5-6 Tage für das warten, was ihr so wichtig ist!

  • Wie war es, in Australien mit einem Kleinkind Mutter zu sein?

Wunderschön! Es gibt hier eine Menge Angebote auch für ganz kleine Kinder. „Babyrhythmus” in der Bibliothek, Babyschwimmen ab dem 3. Monat, Spielhäuser, Baby-Gymnastik, junge Mutter-Gruppen. Wenn sie älter sind, können sie im Alter von fünf Jahren anfangen, Sport zu treiben. Vom Fußball bis hin zum Tennis gibt es hier alles. Musikunterricht, Ballett – was auch immer!

 

Ich habe mich bereits beschwert, dass es hier keinen Schnee gibt, aber ich erwähnte nicht, dass wir am Ufer eines sehr schönen Flusses (Murray River) leben, mit der Möglichkeit, dort angenehme Spaziergänge zu machen! Es gab mehrere Winter, als wir nur einen Pullover anziehen mussten, so gibt es viele Möglichkeiten, im Freien zu sein…

 

Rita (5)Wenn ich Fotos von dir und deinen Söhnen sehe, denke ich immer an deine beeindruckende und respektable Kraft, die von dir kommt und die ich aus deiner Geschichte kenne. Mit diesem Wissen sind diese Fotos herzbewegend, wie die zerbrechliche, auch heute noch wie ein junges Mädchen aussehende Mutter zwischen ihren zwei Söhnen steht, die schon größer sind als sie.  Kurz seit der Geburt deines zweiten Sohnes, Konrad, geht Ihr mit deinem Mann getrennte Wege. Ich kann mir nur vorstellen, wie schwierig es in einem Land sein konnte, das du erst vor ein paar Jahren kennen gelernt hast. Eine solche Situation wirft selbst in Europa die Frage auf, nach Hause umzuziehen, und vielmehr in einer so abgelegenen Region, wo die Entfernung zwischen Adelaide und Budapest 14.898 km ist. Wenn ich mich richtig erinnere, hast du dir nicht einmal überlegt, nach Ungarn zurückzuziehen. Als unsere Beziehung vorübergehend unterbrochen war, arbeitetest du in einer Bibliothek, und erzogst die Jungs alleine. Jetzt studierst du wieder, und wirst bald dein australisches Diplom als Hebamme erhalten. Die Jungs sind nun aufgewachsen, sie lernen, sind Spitzensportler, und ich schaue mir sehnsüchtig die Bilder an, die von ihnen bei verschiedenen, attraktiven Jugendorganisationen gemacht wurden.

  • Wie waren die letzten Jahre, zu dritt mit den Jungs? Woher hast du die Kraft für einen Neuanfang genommen? Welche Schwierigkeiten musstest du überwinden, und welche Hilfe hast du erhalten?

 

Wie man meinen Antworten entnehmen kann, gibt es keinen Grund, uns zu beschweren. Ja, es war nicht einfach, aber nur weil mein ehemaliger Mann das Ganze schwer gemacht hat. Ich bin gerne mit den Jungs allein, das Leben ist viel einfacher und vor allem machen wir alles so, wie wir es wollen, und keiner mischt sich in unser Leben ein. Ich lächle nur, weil viele mich fragen, wie ich all das alleine schaffen kann: Ich arbeite, lerne und erziehe die Jungs. Jeden Tag haben sie irgendeine Beschäftigung, wo ich sie hinfahren muss, und es kommt oft vor, dass wir nicht vor 20:00 Uhr nach Hause kommen. Die Antwort: Ich weiß es nicht! Ich liebe meine Söhne und tue mein Bestes, um sie glücklich zu machen und auf das Leben vorzubereiten. Ich liebe es zu lernen, es tut mir gut, sagen zu können, dass ich an einer „Fremdsprachenuniversität” studiere. Es macht mich stolz, und gibt mir die Kraft, den Abschluß zu machen. (Ich habe nur noch ein Praktikum zu absolvieren, dann bin ich fertig). Ich liebe auch meinen gegenwärtigen Job, ich habe tolle Kolleginnen, es ist mir ein Vergnügen, zur Arbeit zu gehen.

Adelaide-GlenelgWeißt du, ich bin trotzdem oft müde, es kommt vor, dass ich wochenlang keine Ruhezeit einlegen kann. Arbeit, Studium, Schwimmwettbewerb an den Wochenenden. Wenn der Wettkampf in Adelaide stattfindet, dann muss ich bei Morgendämmerung aufstehen, dann 3 Stunden fahren, dann der Wettkampf und wieder 3 Stunden lang nach Hause fahren … und am nächsten Tag ist wieder Arbeit … aber das ist mein Leben, ich habe das gewählt, und keine Minute lang bereut. Ich werde die Zeit haben, mich auszuruhen wenn die Jungs erwachsen und „ausgeflogen” sind!

Adelaide

  • Was unterscheidet das australische Schulsystem vom Ungarischen? Was ist deiner Meinung nach in Australien herausragend?

Das Erste, was mir einfällt: Meistens gibt es hier keine Hausaufgaben! … und trotzdem funktioniert das System! Ich erinnere mich noch, zu Hause gab es so viele Hausaufgaben, dass ich hätte weinen können. Hausaufgaben gibt’s hier nur dann, wenn die Aufgaben in der Schule nicht erledigt werden konnten. In den Gymnasien gibt es Facharbeiten (sog. Thesen), verschiedene Projekte, aber meistens werden auch diese in der Schule gemacht. Ich fange jetzt lieber nicht damit an, ob das gut ist oder nicht …

 

  • Wann hast du Ungarn zum letzten Mal besucht? Wie bleibst du im Kontakt mit deiner Familie und alten Freunden? Ich weiß, dass die Jungs kein Ungarisch sprechen. Wie sehr sind sie mit Ungarn verbunden, was wissen sie über das Land?

Das letzte Mal war ich zu Hause, als wir uns trafen. Die Beziehung mit meiner Familie ist zerbrochen. Ich habe ein paar enge Freundinnen aus meiner Kindheit, mit denen wir den Kontakt pflegen und viele Bekannte, mit denen wir uns gelegentlich schreiben.

Die Jungs sprechen kein Ungarisch, sie kennen einige Worte, aber leider ist das alles. Am Anfang habe ich mit meinem größeren Sohn nur auf Ungarisch gesprochen, aber leider konnte ich nur erreichen, dass er als Dreijähriger nur drei Wörter konnte. Deshalb wurde uns geraten, dass wir ihm nur eine Sprache beibringen. Da wir hier lebten, wählten wir Englisch. Innerhalb von sechs Monaten sprach er fließend, so habe ich es mit dem Kleinen nicht einmal getestet.

Irgendwann fahren wir nach Hause, ich möchte, dass sie sehen, wo ich aufgewachsen bin, woher ich kam …

  • In Süddeutschland lernte ich eine Soziologin persönlich kennen, die lange Zeit in verschiedenen Ländern gelebt, und Bücher über diese Zeit geschrieben hat. Sie wurde an der Universität, wo sie früher unterrichtete, als Osteuropa-Expertin betrachtet, bis heute engagiert sie sich im Bereich der Integration von Ausländern. Von ihr stammt eines meiner Lieblingszitate, das, wie ich denke, unumgänglich für diejenigen ist, die im Ausland leben, oder endgültig ins Ausland ausgewandert sind. Ich denke, jeder Auswanderer hat einen Moment in seinem Leben, wo diese Frage aufkommt: „Die Heimat ist vor allem eine innere Einstellung.“ Wie denkst du darüber? Wo bist du zu Hause?

Rita (8)Es ist eine sehr interessante Frage! Ich stimme der Soziologin zu. Die Heimat ist in uns, in unserer Seele. Natürlich rede ich immer noch von Ungarn als „Zuhause”, aber in Wirklichkeit ist meine Heimat hier. Ich lebe hier mit meiner kleinen Familie, hier ist mein Leben, hier bin ich glücklich und hier werde ich auch sterben. Das erste Mal, als ich mich hier zu Hause fühlte war, als wir hier, nach Berri gezogen sind und ich meine Freundinnen kennen gelernt habe (in der Entbindungsgruppe). Und als ich dann die Staatsbürgerschaft bekam, machte es dieses Gefühl irgendwie auch „offiziell”. Ich hatte das Gefühl, dass ich – obwohl Ungarn mein Heimatland ist – irgendwie hierher gehörte. Ich habe mein Land nicht verlassen, weil ich ein besseres Leben wollte, sondern weil ich schon seit meiner Kindheit ein Gefühl hatte, dass ich einmal „gehen muss”… Dann hat mich das Leben hierher gebracht und ich glaube, es musste so sein, weil ich mich hier so fühle, dass ich angekommen bin, und nicht mehr das Gefühl habe, dass ich „gehen muss”.

Rita (3)

Danke, dass du deine Geschichte mit mir geteilt hast – und dass ich dich kennenlernen durfte!

13.05.2018

Adelaide ozean

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