Meine Vergangenheit und meine Zukunft – vom Zwischenraum aus gesehen, in Zeiten des Wartezustands

„… wir marschierten furchtlos und dachten, wir würden für immer in der kranken Welt gesund bleiben“ … „Wir gingen mit voller Geschwindigkeit vorwärts, fühlten uns stark und zu allem fähig. Wir waren hungrig nach Profit und haben uns von der Anhäufung von Waren und der Eile betäuben lassen. Wir haben nicht aufgehört (..), wir haben uns nicht von Kriegen und globalen Ungerechtigkeiten erholt, noch haben wir die Schreie unseres armen und schwerkranken Planeten nicht gehört.“ (Papst Franziskus)

Viele Wissenschaftler haben zuvor gewarnt, dass wir unsere Umwelt, die Natur so stark zerstören, dass sie sich früher oder später rächen wird. Zum Beispiel sagte Albert-László Barabási, ein ungarischer Professor und Direktor des Network Science Institute in Boston vor 5 Jahren in einem Interview mit Spektrum TV über die Verbreitung von Viren, noch im Jahr 2015: „Ich glaube, wir haben noch nicht alles gesehen. Im 21. Jahrhundert stellt sich nicht die Frage, ob es eine globale Epidemie geben wird, sondern wann und wie verheerend sie sein wird. “

Wir haben Greta Thunberg, die Bewegung „Fridays for Future“ und ihre Demonstrationen für den Klimawandel und zur Unterstützung des Klimaschutzes verspottet, obwohl ihre Botschaft klar ist: Lasst uns unsere Welt nicht ruinieren, weil wir die Zukunft kommender Generationen ruinieren werden. Ich war schockiert über die Rede  die Rede von Severn Cullis-Suzuki vor fast 30 Jahren (Rio Earth Summit, 1992) , deren Inhalt dem entspricht, was Greta Thunberg heute sagt. (Cullis-Suzuki startete mit 9 Jahren die Environmental Children’s Organization, ECO.)

Man könnte auf unbestimmte Zeit nach Vorgeschichten, Ursachen und Fehlern suchen, von Fledermaussuppen über die Profitsucht bis hin zum Massentourismus. Es macht keinen Sinn, wenn wir nicht daraus lernen. Und ich fürchte, wir werden nicht daraus lernen. Ich habe dieses Schreiben nicht deswegen am Karfreitagabend, dem Fest der Auferstehung, der Osterwoche begonnen.

Es interessiert mich, was als nächstes kommt. Natürlich haben sich auch unsere Großen mit diesem Thema befasst und analysiert, wie unsere Welt nach der Pandemie aussehen wird. „Im Moment ist der größte Kampf nicht gegen das Virus, sondern für die Zukunft der Menschheit, denn wenn die Epidemie das Misstrauen erhöht, hat das Virus gewonnen“schreibt der israelische Historiker Yuval Noah Harari , einer der beliebtesten Denker der Welt. Viele machen die Globalisierung für die Coronavirus-Pandemie verantwortlich und sagen, dass die einzige Möglichkeit, weitere Epidemien zu verhindern, darin besteht, den Grad der Globalisierung zu verringern. Das heißt, Mauern müssen gebaut werden, das Reisen muss eingeschränkt, der Handel reduziert werden. Während eine kurzfristige Quarantäne unvermeidlich ist, um Epidemien zu stoppen, führt eine langfristige Isolation zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch, ohne einen wirklichen Schutz vor Infektionskrankheiten zu bieten. Im Gegenteil. Das wahre Gegenmittel gegen Epidemien ist nicht die Trennung, sondern die Zusammenarbeit. “

Ich interessiere mich also nur für das, was als nächstes kommt, aufgrund eines genau definierten persönlichen Engagements. Ich messe immer noch das Jahr in Schuljahren. In unserem diesjährigen Jahr ging es also um Abitur, Berufswahl, Trennung und zukünftige Planung. Dies wurde durch soziale Isolation, freiwillige Quarantäne, steigende Patientenzahlen, Epidemie-Management usw. beeinträchtigt. Wir warten jetzt. Wenn das Trauma dieser Ära und die Verhinderung weiterer Epidemien wirklich darin besteht, die Globalisierung zurückzudrängen, müssen die heutigen 18- bis 30-Jährigen, also die Generation Z, sich selbst neu lernen. Sie sind so flexibel, dass sie das lösen werden. Ich habe mir seit gestern keine Sorgen mehr gemacht. Ich stellte die Frage in der Familie und mein 18-jähriger Sohn, der gerade sein Abitur macht, gab sofort die Antwort: Kein Problem, dann wird es die neue Aufgabe sein: die Welt wieder aufzubauen.

Nur ein kurzer Blick darauf, wie diese Generation Z aussieht:

„Mitglieder der Generation Z wurden zwischen 1995 und 2010 geboren. Ein neuer people-2Generationentyp, bei dessen Herausbildung die rasche Entwicklung der Technologie eine äußerst wichtige Rolle spielte. … sie wurden in eine Welt digitaler Technologien hineingeboren, in der es undenkbar ist, ohne Web 2.0, Smartphone, andere Digitale – und Kommunikationsgeräte zu leben. Ein anderer Begriff, der für die Generation Z verwendet wird, ist der von Marc Prensky geprägte Begriff „Digital Natives“. Mitglieder der Generation Z, die im Vergleich zum 20. Jahrhundert in einer neuen Welt aufgewachsen sind, haben ihre Lerngewohnheiten völlig geändert. Sie können mehrere Dinge gleichzeitig erledigen (Multitasking), aber die aufgezeichneten Informationen sind nicht so ausführlich wie in früheren Generationen. Mit der Entwicklung und Geschwindigkeit von Kommunikationswerkzeugen erhalten sie immer mehr Informationen und verarbeiten sie anders, wodurch sie anders denken als Mitglieder früherer Generationen. “ Eines der wichtigsten Merkmale der Generation Z ist die Erkenntnis, die sie aus dem Leben der meisten ihrer Verwandten gezogen haben: ältere Menschen lassen ihre Träume selten wahr werden. In dieser Generation besteht beispielsweise bereits ein grundlegender Mangel an Engagement für ein einzelnes Unternehmen. Wir können uns nicht mehr auf ihre Loyalität verlassen. Daher ist eine klare Trennung von Beruf und Privatleben erforderlich: Der für die Generation Y perfekt funktionierende „Work-Life-Mix“ ist für die Generation Z bereits zum Scheitern verurteilt. Sie wollen bereits Privatsphäre haben. „(Wikipedia)

Laut der „Jungen Deutschen Studie“ sind die fünf wichtigsten Werte für die Generation Z:

  1. Gesundheit, 2. Freiheit, 3. Freundschaft, 4. Gerechtigkeit, 5. Familie

Ich möchte diese fünf wichtigsten Werte jetzt, inmitten (oder am Anfang?) einer Pandemie noch einmal betonen: Gesundheit, Freiheit, Freundschaft, Gerechtigkeit, Familie.

Als Mutter lerne ich begeistert (und leidenschaftlich) von einem Abiturienten der Z-Generation die neue Art und Weise der Sichtweise. (Mama, belass es dabei! Du verstehst diese Welt nicht mehr.) Ich sehe auch, dass im letzten Monat, seit wir in der Coronakrise warten müssen, unsere Kinder, die bis jetzt zwischen der Pubertät und dem Erwachsenenalter balancieren mussten, plötzlich Erwachsene geworden sind. Es interessiert mich sehr, wie sie ihr Selbst in unserer veränderten Welt sehen. Deshalb habe ich einige 18-Jährige gebeten, von sich zu erzählen.

  1. Wie haben sie ihr letztes Jahr erlebt (berechnet in einem Schuljahr)? Was waren die Prioritäten, die Pläne? (Schule, Freundschaft, Zukunft)
  2. Wie erleben sie diese derzeit schwierige Situation? Was machen sie in der Isolation? Wie sehen sie sich jetzt im Vergleich zu den letzten Monaten? Haben sie sich verändert? Was machen ihre Kernfamilie und die weit entfernte Großfamilie? Haben sie Schwierigkeiten?
  3. Was meinen sie, wird ihr Leben nach der Pandemie sich verändern und wenn ja, wie? Wie sehen sie die Zukunft in ein paar Wochen, Monaten und ein paar Jahren? Wie positionieren sie sich in dieser Vision?

(09.04.2020)

Daniel 2Daniel (18)

Mein letztes Jahr war nicht besonders anders als die Jahre zuvor. Ich hatte viel Zeit, um mich besser kennenzulernen und meine Stärken und Schwächen zu finden. Außerdem habe ich versucht, so viel Zeit wie möglich mit Freunden zu verbringen und die Momente mit meinen Engsten zu genießen. Man muss bedenken, dass man nicht weiß, inwiefern man in der Zukunft noch Kontakt zu diversen Freunden pflegen kann. In meinem Umfeld haben viele Leute vor umzuziehen, ein FSJ zu machen oder sogar ins Ausland zu fahren. Des Weiteren muss man bedenken, dass man in diesem Alter nicht allzu viele Verbindlichkeiten und Probleme hat, wie es in Zukunft der Fall sein wird. Deshalb versuche ich diese Etappe meines Lebens ruhig angehen zu lassen und die Zeit zu schätzen.

Über die Schule habe ich meinen Kopf nicht besonders zerbrochen, dennoch habe ich versucht, die perfekte Mitte zwischen Leistung und Freiheit zu finden. Ich will mein Abitur bekommen, am besten so gut wie möglich, aber andererseits erkenne ich, dass heutzutage das Abitur immer mehr an Wert verliert und heute viele große Unternehmen Leute anhand Ihrer Persönlichkeit einstellen. Zudem kommt, dass ich eine Branche anstrebe, wo ein Abitur nicht notwendig ist, denn ich möchte mein eigenes Unternehmen gründen. Das Wissen, welches die Schule den Schülern liefert, ist größtenteils nicht essenziell für meinen Weg. „Geh zur Schule, sei fleißig und arbeite dann irgendwann für ein großes Unternehmen“ ist beispielsweise ein Satz, der nicht auf mich zustimmt und mich nur zum Zucken bringt. Trotzdem halte ich es für sinnvoll, eine gewisse Absicherung zu haben, sodass man notfalls einen anderen Weg einschlagen „könnte“. Somit habe ich einen Teil meiner Freizeit verbracht, um mich mit Themen auseinanderzusetzen, die mir auf meinem Weg von Vorteil sein könnten. Insgesamt hatte ich ein sehr gutes Jahr mit vielen tollen Erinnerungen, die ich sicherlich mein Leben lang nicht vergessen werde.

Die jetzige Situation gibt mir die Möglichkeit, mich noch tiefer in gewisse Themen munkaképek (12)einzuarbeiten und mich auf Dinge zu fokussieren, denen ich immer schon mehr Zeit widmen wollte. Ich bin von der Situation nicht psychisch betroffen, wie es bei einigen anderen der Fall ist. Mir wird Zeit geschenkt, sodass ich mich mehr auf Zukunftspläne und mich selbst konzentrieren kann. Also im Endeffekt habe ich mich nicht besonders verändert. Im Vergleich zu den Monaten vor der Isolation, habe ich komischerweise habe ich das Gefühl, dass ich viel produktiver bin und meine Freizeit noch sinnvoller nutze. Meine Familie arbeitet mit einigen Einschränkungen normal weiter. Im Großen und Ganzen hat sich da nicht viel getan, ebenso wie das Leben meiner Großeltern in Russland. Diese befinden sich in Rente und verbringen die meiste Zeit Zuhause.

Ich glaube, mein Leben wird sich nicht besonders verändern. Ich konnte einige Dinge mitnehmen, worüber ich sehr froh bin. Ich werde (hoffentlich) meine Freizeit genauso sinnvoll verbringen, wie ich es jetzt auch tue. Außerdem bin ich froh darüber, zu sehen, wie eine Nation sich stärkt und es zu einem größeren Gemeinschaftsgefühl kommt. Man muss nämlich seine Handlungen bedenken und inwiefern man damit andere gefährdet. Ich sehe, dass viele Leute sich mehr um ihre Mitmenschen kümmern (außer Hamstereinkäufe natürlich). Des Weiteren kann ich mir vorstellen, dass die Zeit, die nach der Pandemie kommt, einem Kriegsende ähneln kann (im Übertriebenen). Die Leute wollen wieder raus, Zeit mit Freunden verbringen, shoppen gehen und, und, und. Die ganze „verlorene“ Zeit nachholen und das Leben genießen. Ich hoffe bei der ganzen Sache, dass so wenig Menschen wie möglich davon Schaden nehmen und zu den gerade genannten Leuten gehören können. Leider kann die Pandemie auch längere Schäden für die Gesellschaften hervorbringen, beispielsweise durch eine mögliche nächste Weltwirtschaftskrise. Die Aktienmärkte stürzen ab und Unternehmen / Selbständigen fällt es immer schwerer, am „Leben“ zu bleiben. Ich hoffe nur, dass wir alle die Zeit gut überstehen und ich meinen Weg normal gehen kann.

(Norddeutschland, 12.04.2020)

ro a.n.Pietro (18)

Das letzte Jahr habe ich ziemlich gut erlebt, auf jedenfalls schon mal besser als dieses. Ich habe immer mehr Gleichgewicht zwischen Privat- und Schulleben gefunden, da ich nach Beginn der Ausbildung Schwierigkeiten damit hatte. Meine Prioritäten waren bzw. sind wie immer an erster Stelle Familie und Freunde. Mit dem Beginn der Ausbildung haben sich die Prioritäten zwar nicht verändert, aber es kam eine dazu: einen guten Abschluss zu erreichen, damit ich für meine Zukunft eine feste Arbeit habe.

Diese Situation lebe ich gerade nicht bestens, da ich eher ein aktiver Mensch bin und die Bewegung bevorzuge und diese Quarantäne mich davon abhält, das zu tun, was ich am meisten mag (Sport, Bewegung, meine Arbeit). Während der Isolation bekomme ich von meinem Betrieb Home-Office Aufgaben, also wird mir nicht langweilig. Abgesehen von den Home-Office Aufgaben versuche ich auch Sport zu machen. Im Vergleich zu den letzten Monaten sehe ich mich nicht all zu anders, aber eine Sache, die ich bestimmt dazu gelernt habe, ist es, auch die „selbstverständlichen“ Sachen mehr wertzuschätzen (z.B. Freiheit).

Meiner Familie in Italien geht es zum Glück noch gut. Sie haben zwar sehr große sicily-Schwierigkeiten, diese Situation zu erleben, da man Italien komplett nicht raus gehen darf (außer zum Einkaufen). Aber Hauptsache, sie sind gesund und wenn alles vorbei ist, gehen sie doppelt so fröhlich raus.

Ich denke, mein Leben wird sich unter 2 Ansichten auf jeden Fall verändern. Die erste, ich werde nach der Pandemie die selbstständige Freiheit mehr wertschätzen, da ich jetzt, wo wir diese Freiheit nicht haben, sehen kann, wie wichtig diese eigentlich ist. Der zweite Punkt ist, dass ich mehr Respekt vor solchen Krankheiten haben werde, sei es auch nur eine einfache Erkältung. In ein paar Monaten sehe ich mich wieder bei der Arbeit und ich werde auch schon anfangen, mich für die Abschlussprüfung vorzubereiten. In ein paar Jahren sehe ich mich fest angestellt bei der Firma, wo ich jetzt meine Ausbildung mache und meine weitere Zukunft planen werde, aber solche Pläne gehen nicht immer auf, denn wie in der jetzigen Situation kann sich alles innerhalb von wenigen Monaten ändern.

(Süddeutschland, 14.04.2020)

NikolasNikolas (19)

Viel Stress auf jeden Fall. Es ist nicht leicht, einem solchen Druck von der Familie zu haben. Ich habe mich in meinen Kunstfähigkeiten verbessert, aber jetzt seit der Pandemie weiß ich auch nicht mehr, wohin mit mir. Ich bin mir nicht mehr sicher, dass ich einen Job finden werde, wenn ich Kunst studiere. Ich war zu Hause auch nicht wirklich konzentriert, sodass ich in Ruhe normal lernen konnte. In der Schule wäre die Situation anders, denn dahin geht man, um wirklich zu lernen, aber leider hat unsere Generation Pech gehabt, sodass wir gezwungen sind, zu Hause lernen zu versuchen.

Priorität war und ist immer noch, das Abitur zu schaffen, damit ich mehrere Möglichkeiten habe, um zu studieren.

Andere wichtige Themen in meinem Leben sind auch Familie und Freunde. Als ich nach Deutschland kam, war ich alt genug, um zu verstehen. Ich wusste, dass ich die Freunde verlieren werde, denn so ist es immer mit der Zeit. Ich kam hier nach Flensburg und habe mich angepasst. Jetzt muss es wieder passieren, jetzt muss ich wieder weg. Das Problem ist, ich bin jetzt 20 und habe auch einige Erfahrungen gemacht, woran ich mich ungern alleine erinnern will, sprich nicht mit den Menschen, die ein Teil davon waren. Die Familie hat es auch schwer, denn wir sind überall jetzt, einige in Norddeutschland,südeuropa einige in Nordrhein-Westfalen, einige in Albanien, Italien, Griechenland und so weiter.

Unser Volk ist aber durch die Jahre an Migration gewöhnt, deswegen sind wir nicht wirklich traurig, solange es unseren Verwandten gut geht.

Wie gesagt, die Pandemie hat nichts verbessert, sondern das Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit, die verloren gegangen ist hier zu Hause, besser genutzt werden könnte, wären wir in der Schule. Daran ist aber keiner Schuld und sich zu beschweren wäre meiner Meinung nach unlogisch. Die Pandemie hatte nur eine gute Seite, und zwar, dass wir gesehen haben, dass wir mehr mit Lehrern schaffen als allein.

Veränderungen gibt es natürlich, erstens die 5 Kilo, die ich zugenommen habe. Und viel wichtiger ist es, dass ich faul geworden bin während der Coronazeit, leider etwas, was dem Körper und der Psyche schadet.

Meine Eltern sind beide Ärzte und sie arbeiten ständig und fleißig. Es gibt viel zu tun in der Zeit. Das Problem sind meine Großeltern, denn sie sind weit von uns entfernt und auch die meist riskierte Altersgruppe für COVID-19. Meine Oma beispielsweise, die in Italien wohnt, hat ihre Mutter verloren, die in Albanien wohnte. Das ist eine Lose-Lose Situation, denn meine Oma darf nicht mal raus und meine Großmutter hat ihre Tochter nicht mehr gesehen. Wie gesagt, die Zeiten sind schwerer als wir dachten, und es wird meiner Meinung nach noch schlimmer.

Mein Leben wird sich auch verändern, so wie bei jedem. Keiner kann jetzt noch behaupten, dass sein Leben sich nicht verändert hat. Und bei vielen leider nicht ins Gute. Wie gesagt, ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich jetzt noch Kunst studieren werde. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich damit überleben werde, denn es wird sicher eine Krise geben, und die Künstler haben da nichts zu suchen. Aber ich fokussiere mich erstmal auf das Abitur, und später werde ich auch einige Entscheidungen treffen. Denn sowie Forrest Gump gesagt hat, „das Leben ist eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man kriegen wird“. Das beste was wir jetzt tun können ist warten und die Experten ihren Job machen lassen.

(Norddeutschland, 20.04.2020)

RaphaelRaphael (18)

Ich habe versucht, das letzte Jahr so gut es geht auszukosten. Die Schule war einfach und man konnte sich viel auf seine Freunde konzentrieren, weswegen ich aber erst spät so richtig realisiert habe, dass es die letzte gemeinsame Zeit ist. Währenddessen habe ich auch viel über meine Zukunft nachgedacht. Da ich nicht für einen durchgetakteten, immer gleich aufgebauten „9 to 5 Job“ geschaffen bin, musste ich mir erstmal einmal überlegen und recherchieren, welcher Beruf und welches Studium zu mir passt – auch wenn dies für mich nur ein Back-Up darstellt, da ich nicht unbedingt einen Akademikerberuf ausüben möchte.

Die Priorität lag wie gesagt ganz klar darauf, noch ein letztes Mal so aktiv es geht die Zeit mit meinen Freunden auszukosten und so viel gemeinsam zu machen wie möglich.

Die Situation beeinflusst mich und die Leute in meinem Umfeld. Besonders für uns, die munkaképek (96) jetzt ihr Abitur machen, wird nicht nur die Lernphase und das Schreiben der Abiturklausuren stressiger und auch mit Sorgen verbunden, hauptsächlich geht die oben genannte Zeit mit den Freunden verloren, genau wie auch die Pläne (Reisen, Umzug etc.) nach dem Abitur. Die Handhabung der Politiker und vieler Menschen enttäuscht mich sehr und macht mich auch ein wenig wütend. Die Regierung entscheidet sich für die Durchführung des Abiturs trotz großer Risiken und hat sogar darüber verhandelt, uns, d.h. den Abschlussjahrgang, während des Abiturs weiter zu unterrichten, obwohl dies nicht nur aus schulischer Sicht überflüssig, sondern auch mit Blick auf die Gesundheit sehr fahrlässig ist und gefährden könnte, dass jemand krank wird und die Klausuren nicht schreiben kann. Was die Schüler davon halten, wurde natürlich nicht gefragt – über unser Leben entscheiden nur die Politiker…

Ich sehe, wenn ich mal zum Spazieren gehen draußen bin, sehr viele, besonders auch ältere Menschen, die in großen Gruppen herumlaufen und Bus fahren, obwohl es aktuell keinen Grund dafür gibt (wenn man zum Arzt oder Einkaufen muss, gibt es genügend unterschiedliche Dienste, besonders für Ältere, die einen z.B. mit dem Auto hinfahren könnten, falls man sonst niemanden im Umfeld hat, der dies machen könnte). Dann kriegen aber wir, d.h. die jungen Menschen gesagt, wir wüssten nichts über das Leben und wären verantwortungslos, obwohl so gut wie jeder von uns den ganzen Tag drinnen sitzt und sich an die Vorschriften hält…

Ich merke aber, dass ich verhältnismäßig aktiver bin als davor. Ich mache mir viele Pläne, probiere neue Dinge aus und feile an meinen jetzigen Fähigkeiten, z.B. versuche ich, viel zuhause zu trainieren, da Teamsport im Moment nicht möglich ist. Mental beeinflusst mich die Situation, bis auf die Enttäuschung, dass man seine Freunde nicht sieht, überhaupt nicht. Ich habe mich gleich zu Beginn an die Situation angepasst und diese so hingenommen, wie sie ist. Es tut auch sehr gut und ist wichtig, dass wir (meine szechenyi-chain-bridge-budapestFreunde und ich) so viel Kontakt wie möglich halten (Facetime, Videospiele etc.). So wie ich es wahrnehme, haben meine Eltern die Situation auch relativ gut im Griff und sind gut gelaunt. Wir versuchen, viel Kontakt mit unseren Verwandten in Ungarn zu halten. Meine Oma, die schon älter ist, muss auf sich aufpassen und geht gar nicht mehr raus, das ist auch sehr wichtig. Alles in allem denke ich, dass alle relativ gut mit der Situation zurechtkommen.

Ich kann die Situation schwer einschätzen. Viele Pläne, wie z.B. eine längere Reise nach Ungarn und möglicherweise ein baldiges FSJ mussten schon aufgegeben werden. Es ist auch fraglich, ob ich mein Studium im Oktober in der normalen Form beginnen kann.

Für mich war es schon immer wichtig, finanziell den größtmöglichen Erfolg zu haben, aber ob und wie man in den nächsten Jahren an diesen Plänen arbeiten kann, lässt sich nicht vorhersagen. Auf der einen Seite könnte es viel schwieriger werden, vielleicht wird es aber auch einfacher sein, in einer zerbröckelten Wirtschaft Fuß zu fassen und etwas aufzubauen, da viel vom Jetzigen leider zugrunde gehen wird. Was ich nicht nur in der Zukunft wertschätzen werde, sondern seit dem Anfang der Isolation viel mehr wertschätze, ist Freundschaft. Es schien für mich immer selbstverständlich, meine Freunde täglich in der Schule sehen zu können und gemeinsam etwas zu unternehmen, auf Partys zu gehen etc., aber jetzt, ohne sie, merkt man, wie besonders es eigentlich ist.

együttIch kann nicht sagen, dass mich die jetzige Lage für die Zukunft „stärker gemacht hat“, da mich die Lage generell natürlich beunruhigt, besonders auch die stetige Angst, dass meine Familie und Freunde auch erkranken könnten, ich für mich persönlich, d.h. was einzig mich und meine Person angeht, aber mit keinerlei negativen Gefühlen kämpfen musste, da ich, wie gesagt, die Situation von Beginn an hingenommen habe. Was ich jedoch auf jeden Fall für die Zukunft mitnehme, ist die Wertschätzung der Freundschaft und der vielen Möglichkeiten, die man im Alltag hat. Man nimmt alles als selbstverständlich und „da“ wahr, obwohl es in Wirklichkeit besonders und einzigartig ist.

(Norddeutschland, 20.04.2020)

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