Die Drittkultur-Kinder

(Archiv vom Februar 2015)

munkaképek (40)Was ist meine Heimat? Wo ist mein Zuhause?

„Ich wollte immer reisen. Es war mein Traum, mein Hobby, mein Ziel: Neue Kulturen kennen zu lernen, aber nicht wie eine Touristin, sondern so richtig: monatelang, vielleicht jahrelang verschiedene Kulturen von „Innen“ ausprobieren, dort leben.“

Ich habe das nie geschafft.

Jetzt lebe ich schon seit 14 Jahren im Ausland, aber es war damals ein „Zufall“ und nicht bewusst geplant. Mit meinem Mann stammen wir vom selben Herkunftsland, er lebt hier schon seit 32 Jahren. Unser Sohn ist hier geboren. Zuerst haben wir in einem idyllischen Dorf gelebt, in einem schönen Dreifamilienhaus – direkt am Wald, gegenüber einem Schloss, in einer großen Wohnung. Überall Frieden, Ruhe und Stille, immer zusammen mit meinem Sohn, ich war immer für ihn da.

Er war zwei Jahre alt, als wir aus beruflichen Gründen in unser Herkunftsland zurückgekehrt sind. In eine Hauptstadt mit zwei Millionen Einwohnern… Die Großeltern, die „Großfamilie“ waren da – neue, schöne Kontakte für meinen Sohn.

Wir hatten einen selbstgemachten Film auf DVD, mit Erinnerungen von Deutschland. Plötzlich hat mein Sohn angefangen, diese DVD täglich anzuschauen. Er hat dieser DVD auch einen Titel gegeben: „Nach Hause“…

  1. Unterhaltung

Es war ein Winterabend, kalt und schon dunkel. Mein Sohn war 2,5 Jahre alt. Er hat seine Winterhose, Stiefel, Winterjacke, Mütze alleine angezogen. Er hat in seinen Rucksack die wichtigsten Sachen reingepackt: Winnie Puuh, Ferkel und ein paar Autos.

–          Was machst Du?

–          Ich gehe nach Hause.

–          Wohin nach Hause?

–          Nach Deutschland.

–          Zu Fuß?

–          Ja. Ich kann das machen. Ich kenne den Weg. Ich muss zur Autobahn laufen und von dort nach   Hause.

Er nahm seinen Rucksack und ging fort… – ins Treppenhaus, aber dort war es sehr dunkel…

Im Kindergarten, wo er täglich ab 8.30 bis 17 oder 18 Uhr war, hat er jeden Morgen geweint.

Als mein Sohn vier Jahre alt war, sind wir nach Deutschland zurückgekehrt. Wir beide  haben am gleichen Tag angefangen Deutsch zu lernen: er im Kindergarten und ich in der Sprachschule. Die ersten zwei Tage war mein Mann mit ihm im Kindergarten. Am Abend des zweiten Tages hat mein Sohn gesagt:

–          Papa, morgen ist der dritte Tag. Du kannst noch im Kindergarten bleiben, aber übermorgen will ich  schon alleine dort sein.

Er hat nur mittwochmorgens geweint, sonst nie…  Er hat sehr schnell Deutsch gelernt und spricht wunderschön. Zuhause sprechen wir nur auf unserer Muttersprache.
2. Unterhaltung

Kindergartenjahre

–          Mama. Ich bin Deutsch.

–          Na ja… Du bist hier geboren, aber deine Eltern sind keine Deutsche. Du hast    „Migrationshintergrund“.

–          Nein. Es ist falsch, aber kein Problem. Mama, du musst das nicht richtig wissen. Ich bin Deutsch.  Papa ist Halbdeutsch, aber du Mama, du bist nur eine Ausländerin.

–          Warum bin ich „nur“ eine Ausländerin?

–          Papa lebt hier schon sehr lange, er hat nur einen deutschen Pass und spricht perfekt Deutsch. Ich bin hier geboren, aber du lebst hier nicht so lange und du sprichst schlecht Deutsch, du hast keinen deutschen Pass, du bist eine Ausländerin.
3. Unterhaltung

In der Grundschule, mit einer Mutter:

–          Wohin geht dein Sohn nach der Grundschule?

–          Ins Gymnasium.

–          In eine bilinguale Gruppe, denke ich.

–          Oh nein. Er wird nicht in der bilingualen Gruppe richtig lernen können. Ich will dass nicht. Er  muss alles auf Deutsch lernen. Zu Hause besprechen wir den Lernstoff immer auf zwei Sprachen, es  wäre zu viel, alles auf drei Sprachen zu machen.

–          Aber warum nicht die bilinguale Gruppe? Das ist doch prima! Die Kinder machen internationales Abitur und können gleich danach im Ausland studieren!

–          Aber ich will das nicht, dass mein Sohn im Ausland studiert! Wir sind hier schon im Ausland.   Irgendwo muss man Wurzeln haben! Wenn er fortgeht, wo wird er zuhause sein?

Heute lernt mein Sohn in der bilingualen Gruppe…
4.Unterhaltung

Neujahr, 1. Januar 2014

–          Mama, ich werde in New York, in Manhattan leben.

–          Was? Wie hast du das gemeint? Wir mit Papa können nicht mehr so einfach wechseln und wo finden wir einen Job?  Wir haben kein Geld dazu.

–          Aber ich hab doch nicht gesagt, dass ihr auch dort leben müsst…

–          Gehst du nach New York ohne mich??? Kannst Du mich sitzen lassen? (Schöne emotionale Erpressung, oder?)

–          Warum? Du hast deine Eltern auch sitzen lassen! Ich werde dich besuchen.

(Zusammenbruch…)
Dann habe ich gedacht, wäre es nicht besser, statt zusammenzubrechen, einfach mal mitzuträumen? Fangen wir an! Wenn er Wolkenkratzer und eine große Stadt sehen will, dann machen wir einen Kurzurlaub in Frankfurt. Nach dem Urlaub in Frankfurt:

–          Ich gehe eher nicht nach New York… Ich habe im Internet die sicherste Stadt an der Ostküste gesucht, wo auch eine  gute Universität ist.  Boston.  Ich will in Boston leben und am Harvard studieren.

–          Okay. Wir gehen nach Boston.  Irgendwann…  Aber die Harvard ist sehr teuer, wir können uns  das nicht leisten. Wir müssen zuerst darüber reden, was du studieren möchtest, was dich interessiert. Welche Richtung, welches Studium passt zu dir und wo kannst du das studieren, wo sind die besten  Universitäten.

Und wir haben das geschafft. Vielleicht. Die Pläne können und dürfen sich ändern.
Na ja…  Die wilde Atlantikküste…?  Oder vielleicht Somerset…?  Dann Boston…?

… und jetzt lerne ich wieder Englisch.

Bin ich ein „TCA“? („Third Culture Adault“)

(Februar 2015)

 

Was sind Third Culture Kids    33151

Von der Wikipedia:

„Als Third Culture Kids (TCKs) oder Drittkultur-Kinder werden Kinder und Jugendliche bezeichnet, die in einer anderen Kultur aufgewachsen sind als ihre Eltern, oder die während ihrer Kindheit und Jugend oft umgezogen sind und dabei die Kultur gewechselt haben. Dadurch weisen sie besondere Charaktermerkmale und bestimmte Prägungen auf.

TCKs werden nicht einfach zu ehemaligen TCKs wenn sie erwachsen werden (wie zum Beispiel eine Person, die ehemals ein soziales Jahr im Ausland absolviert hat, zu einem ehemaligen FSJler wird), sondern zu ATCKs (Adult Third Culture Kids). Das entscheidende Kriterium ist das Aufwachsen im Ausland während der Entwicklungsjahre (also zwischen Geburt und ca. 18 Jahren). Das heißt: einmal TCK – immer TCK. Aber im Erwachsenenalter wird eine Person, die dieses Kriterium erfüllt, ein ATCK genannt.

Der Begriff Third Culture wurde von den Soziologen Ruth Hill Useem und John Useem eingeführt. Bei der Forschung über die Situation von US-Amerikanern und anderen Ausländern in Indien stellten sie fest, dass diese untereinander eine Art neue Kultur bilden, die Teile aus der umgebenden (indischen) Kultur und Teile der Herkunftskultur (US-amerikanisch) enthält und daher keiner von beiden gleicht. Es sei somit eine Drittkultur. Dieses Konzept erwies sich in anderen Forschungskontexten als hilfreich. Man stellte fest, dass sich Menschen im Ausland sehr gut mit Ausländern aus wieder anderen Kulturen verstanden, und führte dies darauf zurück, dass sie ebendiese Drittkultur verbindet. Das TCK übernehme Elemente aus verschiedenen Kulturen, fühle sich aber meist keiner Kultur ganz zugehörig.

TCKs sind meistens Kinder von Missionaren, Diplomaten, entsandten Mitarbeitern globaler Unternehmen, Entwicklungshelfern, Lehrern, Medienvertretern oder Militärbediensteten. Die minimale Zeitdauer, die ein Kind in verschiedenen Kulturen verbringen muss, um die typischen Merkmale eines TCKs aufzuweisen, ist nicht genau festgelegt und hängt von verschiedenen Faktoren ab: Alter, Ort, Tätigkeit der Eltern, Erziehung, Freunde, Schule und weitere.

Merkmale des Drittkultur-Kind-Profil

Im Folgenden wird ein stark verallgemeinertes Bild einer typischen Drittkultur-Kind-Persönlichkeit beschrieben, wie es hauptsächlich von David Pollock und Ruth van Reken dargestellt wird.

Interkulturelle Erfahrungen

Drittkultur-Kinder sehen und interpretieren ihre Umgebung oft anders als Nicht-TCKs, weil sie oft mehrere verschiedene Kulturen, Religionen, Weltanschauungen und Überzeugungen kennengelernt haben. Auf viele Menschen machen TCKs daher einen interessierten und kosmopolitischen Eindruck, von anderen werden sie aber auch als besserwisserisch und arrogant wahrgenommen. Studien zeigen, dass Drittkultur-Kinder überdurchschnittlich häufig Hochschulabschlüsse erlangen.

Anpassungsfähigkeit

Third Culture Kids besitzen oft die Fähigkeit, sich in verschiedenen Kulturen leichter als andere Menschen zurechtzufinden, weil sie in ihrer Kindheit die Möglichkeit hatten, eine große Vielfalt kultureller Verhaltensweisen zu beobachten. Viele Drittkultur-Kinder haben gelernt, sich schnell auf neue Situationen und Kulturen einzustellen, wodurch es ihnen leichter fällt, sich anzupassen und sich in die Menschen, die in einer Kultur leben, hineinzufühlen. Vielen Drittkultur-Kindern fällt es deshalb auch oft leichter, auf fremde Menschen zuzugehen und Kontakte zu knüpfen. Diese Fähigkeiten können für erwachsene TCKs in internationalen oder interkulturellen Berufen von großem Nutzen und Vorteil sein.

Wurzellosigkeit

Viele Drittkultur-Kinder berichten von einem Gefühl der Wurzellosigkeit, da sie auf die Frage Woher kommst du? keine einfache Antwort wissen. Weil sie oft umziehen, haben sie nie die Möglichkeit gehabt, eine tiefere Bindung zu einem Ort aufzubauen und sich dort wirklich zuhause zu fühlen. Manchmal wird diese Frage mit Beziehungen zu bestimmten Menschen beantwortet. Wurzellosigkeit kann die Suche nach der eigenen Identität erschweren, man spricht daher auch von einer „verlängerten Jugend“ der Drittkultur-Kinder.

Auch die Rastlosigkeit spielt eine große Rolle im TCK-Profil. Nachdem sie so oft umgezogen sind und viele Veränderungen erlebt haben, entwickeln Third Culture Kids einen „Migrationsinstinkt“, der ihr Leben bestimmt. Viele Drittkultur-Kinder ziehen auch als Erwachsene überdurchschnittlich oft um, auch in unbekannte Kulturen. Ein anderer Begriff für diese Gruppe lautet daher auch Global Nomads oder – unter Hervorhebung der technologischen Grundlage ihres Lebensstils –Digitale Nomaden.

Beziehungsgestaltung

Das Leben als Third Culture Kids und die damit verbundene hohe Mobilität hat spezielle Auswirkungen auf das Beziehungsmuster der Drittkultur-Kinder. Wiederholte Trennungen während der Kindheit lassen eine Anzahl von Third Culture Kids dazu neigen, sehr schnell tiefere Beziehungen zu knüpfen – vielleicht, weil sie gelernt haben, dass man nicht viel Zeit dazu hat. Andere Drittkultur-Kinder sind sehr zögerlich mit der Beziehungsgestaltung, um den Trennungsschmerz im Falle eines erneuten Ortswechsels zu verringern, und schirmen sich daher gegenüber anderen ab.“

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